Die kampferprobte Chefin des französischen Gastronomieverbandes (Umih) Christine Pujol. Bild: Thierry Samuel

Verbandschefin im Büro verschanzt
16.03.2010
Die Chefin des Gastronomieverbandes wehrt sich gegen ihren Rauswurf. Im Streit um nicht weitergegebene Steuersenkungen hat sie sich Feinde gemacht.

Die Chefin des wichtigsten französischen Hotel- und Gastronomieverbandes hat sich in ihrem Büro verschanzt, um ihre Ablösung an der Spitze der Organisation zu verhindern. Christine Pujol hält sich seit Tagen in der Geschäftsstelle des Verbandes Umih im achten Pariser Arrondissement auf.

Dies erklärte sie der Nachrichtenagentur AFP am Telefon. Mehrere Nächte habe sie dort schon im Schlafsack verbracht. Sie könne ihr Büro in Paris nicht verlassen, weil sie sonst daran gehindert werde, dorthin zurückzukehren. Zwei Wachleute vor ihrer Tür ließen auch keine Besucher zu ihr durch.

Der Grund für das Zerwürfnis mit ihren Verbandskollegen dürfte darin liegen, dass Pujol sich nach der Mehrwertsteuersenkung in Frankreich (Sommer 2009) von 19,6 auf 5,5 Prozent nicht offensiv genug für die Hotel- und Restaurantbetreiber eingesetzt haben. Zum Ärger vieler Franzosen und der Touristen haben nämlich die meisten Gastronomiebetriebe die Preise nach dieser Steuerreduktion nicht reduziert, worauf der Unmut bis heute nicht verhallen will. Diese Entwicklung wird auch in Deutschland erwartet, wo aber nur die Hotels in den Genuss eines niedrigeren Steuersatzes von sieben Prozent (seit Jahresbeginn 2010) kommen.

Die Hoteliers und Restaurateure wiederum argumentieren, sie hätten die Ersparnisse genützt, um die Löhne zu erhöhen und die Arbeitsplätze zu sichern. Diese Botschaft soll Christine Pujol nicht ausreichend verkauft haben.
Ein Pariser Gericht wies die Verbandsklage zunächst wegen eines Formfehlers zurück, in der Hauptsache wird aber erst noch entschieden. Pujol hatte sich darauf gewaltsam Zugang zu ihrem Büro verschafft und harrt seitdem dort aus. Ihre Gegner haben die Wahl eines neuen Präsidenten angekündigt und wollen Pujol nun „rausklagen“; eine Anhörung dazu findet vor Gericht statt.

Der Verband Umih ist einflussreich, weil Frankreich mit fast 82 Millionen Touristen jährlich an erster Stelle weltweit steht – vor Spanien und den USA. Sie bringen der Tourismuswirtschaft Einnahmen von mehr als 117 Milliarden Euro – was immerhin über sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Mehr als 800.000 Menschen sind in 12.000 unabhängigen Hotels, 1600 Kettenhotels und über 80.000 Cafés, Bars und Restaurants beschäftigt.

Inzwischen wächst aber die Verärgerung über die Gastronomen. Die Preise sind seit der Steuersenkung laut französischem Statistikamt nur um 1,5 Prozent gesunken, statt der erwarteten drei Prozent.